Mehrfamilienhaus mit Gründerzeitfassade in Leipzig

Mehrfamilienhaus bewerten: Ertragswert, Faktor und Rendite verstehen

Ein Mehrfamilienhaus wird nach seinen Erträgen bewertet. Wer Faktor und Rendite versteht, erkennt, ob ein Angebot trägt oder ob der Preis nur Hoffnung enthält.

Foto: August Geyler, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, zugeschnitten

Warum Mehrfamilienhäuser nach Ertrag bewertet werden

Kurz gesagt: Ein vermietetes Mehrfamilienhaus ist eine Kapitalanlage. Der Markt preist es nach dem Ertrag, den es nachhaltig bringt. Deshalb nutzen Gutachter das Ertragswertverfahren. Bei selbst genutzten Einfamilienhäusern steht dagegen oft der Vergleich oder der Sachwert im Vordergrund. Für Kapitalanleger, Erben und Verkäufer gleichermaßen gilt: Die Miete, die Bewirtschaftungskosten und der Zustand bestimmen den Wert.

Die wichtigsten Kennzahlen im Überblick

KennzahlWas sie aussagtWo Vorsicht nötig ist
KaufpreisfaktorKaufpreis geteilt durch die JahresnettokaltmieteSagt nichts über Zustand und Kosten, siehe Kaufpreisfaktor
BruttoanfangsrenditeJahresmiete im Verhältnis zum KaufpreisOhne Nebenkosten und Leerstand, siehe Bruttoanfangsrendite
NettoanfangsrenditeReinertrag im Verhältnis zum GesamtaufwandBesser vergleichbar, siehe Nettoanfangsrendite
LiegenschaftszinsMarktübliche Verzinsung im ErtragswertverfahrenDatenlage regional unterschiedlich, siehe Liegenschaftszins
VervielfältigerFaktor aus Zins und RestnutzungsdauerHängt stark an der Restnutzungsdauer

Faktoren und Renditen sind Orientierungsgrößen, keine Wertermittlung. Zwei Häuser mit gleichem Faktor können sehr unterschiedlich solide sein, weil das eine saniert und das andere sanierungsbedürftig ist. Mehr zur Einordnung im Ratgeber Kaufpreisfaktor und Rendite.

So rechnet das Ertragswertverfahren

  1. Rohertrag: Die nachhaltig erzielbare Jahresmiete aller Einheiten, nicht nur die aktuell gezahlte.
  2. Bewirtschaftungskosten abziehen: Verwaltung, Instandhaltung, Mietausfallwagnis.
  3. Bodenwertverzinsung abziehen: Der Bodenanteil wird getrennt betrachtet.
  4. Gebäudeertragswert: Aus dem Rest mit Hilfe von Liegenschaftszins und Restnutzungsdauer.
  5. Bodenwert addieren: Aus Bodenrichtwert und Grundstücksgröße.
  6. Besonderheiten berücksichtigen: Sanierungsstau, Leerstand, Mieten unter oder über dem Markt.

Was bei Mehrfamilienhäusern besonders zählt

  • Mieten im Bestand: Liegen sie unter dem Markt und lassen sie sich anpassen? Wie das rechtlich geht, klären Anwälte oder Verwalter.
  • Zustand der Technik: Heizung, Leitungen, Dach, Fenster. Der Ersatz kostet und wirkt auf die Restnutzungsdauer. Siehe Restnutzungsdauer und Modernisierung.
  • Energetischer Zustand: Er beeinflusst Nebenkosten, Vermietbarkeit und künftige Investitionen.
  • Leerstand: Einzelne leere Wohnungen werden anders bewertet als strukturelle Leerstände.
  • Grundriss und Aufteilung: Wohnungsgrößen, Barrierefreiheit, Stellplätze.
  • Teilung in Eigentumswohnungen: Ein Haus als Ganzes und die Summe der Einzelwohnungen sind unterschiedliche Bewertungsfragen.

Anlässe für ein Gutachten

AnlassWarum ein Gutachten hilftWeiterführend
Kauf als KapitalanlagePreis und Rendite prüfen, VerhandlungsargumentKapitalanlage und vermietete Objekte
VerkaufPreis begründen, Käuferfragen vorwegnehmenHaus bewerten
Erbfall und ErbengemeinschaftWert zum Stichtag, Auszahlung der MiterbenErbengemeinschaft
Schenkung und ÜbertragungWertbasis für ÜbertragungHaus an Kinder übertragen
FinanzierungWertnachweis für die BankFinanzierung und Beleihung
Teilung oder AuseinandersetzungWert der AnteileMiteigentum und Trennung

Ein vereinfachtes Beispiel (fiktiv)

Ein Mehrfamilienhaus mit acht Wohnungen wird zum Verkauf angeboten. Der Preis ergibt einen Faktor, der auf den ersten Blick attraktiv wirkt. Das Gutachten zeigt: Die Mieten liegen unter dem Markt, die Heizung ist alt, zwei Wohnungen stehen wegen Sanierungsbedarf leer. Nach Abzug der anstehenden Investitionen und mit realistischer Miete ergibt sich ein niedrigerer Wert. Der Käufer verhandelt mit dieser Zahl, der Verkäufer versteht, warum der Preis nicht gehalten werden kann. Beide haben eine nachvollziehbare Grundlage.

Typische Fehler bei der Einschätzung

  • Nur auf Faktor oder Rendite schauen, ohne Zustand und Kosten.
  • Mieten in der Zukunft zu optimistisch ansetzen.
  • Instandhaltung und Modernisierung unterschätzen.
  • Bewirtschaftungskosten zu niedrig ansetzen.
  • Vergleichspreise aus anderen Lagen oder Jahren übertragen.

Gemischte Nutzung: Wohnen und Gewerbe im selben Haus

Viele Mehrfamilienhäuser haben im Erdgeschoss einen Laden, ein Büro oder eine Praxis. Dann gelten für Wohnen und Gewerbe unterschiedliche Mieten, Laufzeiten und Risiken. Gewerbliche Einheiten haben häufig längere Verträge, aber ein höheres Leerstandsrisiko bei Auszug. Wir bewerten beide Teile getrennt und führen sie im Gesamtwert zusammen. Dazu passen die Ratgeber Mietverträge und Wert und Leerstand.

Worauf Sie bei Unterlagen achten sollten

  • Aktuelle Mieterliste mit Flächen, Mieten, Mietbeginn und Nebenkosten
  • Mietverträge und Nachträge
  • Abrechnungen der Betriebskosten und Instandhaltungsaufwand der letzten Jahre
  • Protokolle der Eigentümer bei Wohnungseigentum, falls vorhanden
  • Energieausweis, Nachweise zu Heizung, Dach, Fassade
  • Grundbuch, Teilungserklärung bei aufgeteiltem Eigentum

Wohnen im Bestand: was Gutachter nicht beurteilen

Wir bewerten den Wert, nicht die Rechtmäßigkeit von Mieterhöhungen und nicht die Qualität der Verwaltung. Ob Mieten angepasst werden dürfen und wie, regelt das Mietrecht. Das klären Verwalter oder Rechtsanwälte.

Was wir nicht leisten

Wir beraten nicht zur Kapitalanlage und geben keine Kaufempfehlung. Steuerliche und rechtliche Fragen, etwa zur Mieterhöhung oder Teilung, klären Steuerberater und Anwälte. Wir führen keine Bauschadensuntersuchung durch.

Weiterführend: Wohn- und Geschäftshaus bewerten, Vermietete Eigentumswohnung bewerten.

Weiterführend: Kaufpreisfaktor- und Renditerechner.

Häufige Fragen

Wie wird ein Mehrfamilienhaus bewertet?
Meist im Ertragswertverfahren: aus der nachhaltigen Miete, den Bewirtschaftungskosten, dem Liegenschaftszins, der Restnutzungsdauer und dem Bodenwert.
Was ist ein guter Kaufpreisfaktor?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Er hängt von Lage, Zustand, Mietniveau und Marktlage ab. Er ist ein Vergleichswert, kein Wertnachweis.
Ist die Bruttoanfangsrendite aussagekräftig?
Nur eingeschränkt, weil Nebenkosten, Leerstand und Instandhaltung fehlen. Besser vergleichbar ist die Nettoanfangsrendite.
Brauche ich ein Gutachten oder reicht eine Online-Bewertung?
Für Kauf, Verkauf unter mehreren Beteiligten, Erbfall oder Bank ist ein Gutachten belastbarer. Siehe Online-Bewertung oder Gutachten.
Bewerten Sie auch gemischt genutzte Häuser mit Laden oder Büro?
Ja. Wohn- und Gewerbeeinheiten werden getrennt nach ihren Mieten und Risiken betrachtet.
Geben Sie eine Kaufempfehlung?
Nein. Wir ermitteln den Wert, die Entscheidung bleibt bei Ihnen.
Lohnt sich ein Mehrfamilienhaus als Kapitalanlage?
Das können wir nicht beurteilen. Wir ermitteln den Wert und die Ertragslage zum Stichtag. Die Anlageentscheidung hängt von Ihren Zielen, Ihrer Finanzierung und Ihrer steuerlichen Situation ab.

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Fachlich geprüft von Oliver Nitschke, zertifiziertem Sachverständigen für Immobilienbewertung (DIN EN ISO/IEC 17024). Dieser Beitrag ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung.

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